unsere empfehlungen


Projektraum Viktor Bucher                                                  Wien

 

Hybriditäten                                                 WILLEM HARBERS

kuratiert von Gérard A. Goodrow                                                                ALJOSCHA

                                                                          ULRIKE BUHL

                                                                     JULIE HAYWARD

05.09. - 26.09.2020

Das Galerienfestival mit internationalen Kuratorinnen und Kuratoren in Wien.

Vor rund hundert Jahren schuf der Dadaist Raoul Hausmann sein berühmtestes Werk, den Mechanischen Kopf (Der Geist unserer Zeit): der „moderne Mensch“ als Cyborg. Das Werk zeugt von der zwiespältigen Umarmung der Moderne von Industrialisierung und Technologie als Katalysatoren dessen, was Aldous Huxley später in seinem bahnbrechenden Roman Schöne neue Welt (1931) als dystopisch bezeichnen würde.

Heute ist vieles, was vor hundert Jahren noch Fantasie war, inzwischen Realität geworden. Hybridität in Form von Prothesen sind alltäglich und nahezu allgegenwärtig geworden. Die Fortschritte in der Medizin haben unsere Lebenserwartung so weit verbessert, dass die Unsterblichkeit in Reichweite zu sein scheint. Wie in der Schöpfungsgeschichte hat der Mensch schon wieder die Frucht vom Baum der Erkenntnis gegessen. Die Folgen sind bekannt. 

Auf gänzlich unterschiedlicher und dennoch verwandter Art und Weise setzen sich die vier KünstlerInnen der Ausstellung mit Hybridität als „dem Geist unserer Zeit“ intensiv auseinander. Vier KünstlerInnen, deren Werke an der Grenze zwischen dem Organischen und den Technoiden bewegen, liefern Zukunftsvisionen, die je nach Betrachtungsweise zu Lust und Spaß an den ästhetischen Ergebnissen bzw. zu Angst vor einer erneuten Vertreibung aus dem Paradies führen könnten.

Die Skulpturen und Installationen des niederländischen Bildhauers Willem Harbers (*1967) erinnern an seltsame Maschinen und andere mechanische Geräte, die gleichzeitig retrohaft und zukunftsorientiert anmuten. In seinen Werken werden vieldeutige Assoziationen geweckt – von Feinmechanik bis zu inneren Organen, vom technoiden Apparat bis zum organischen Gebilde. 

Aus dickflüssiger Acrylfarbe erschafft der ukrainische Künstler Aljoscha (*1974) fremdartige, organisch anmutende Gestalten und malt fantastische Landschaften, die zwischen Surrealismus und Science-Fiction oszillieren. Vorbote einer Zeit, in der das Atelier zum Labor wird, wo Künstler Leben erschaffen werden?

Die eigenwilligen plastischen Arbeiten der deutschen Bildhauerin Ulrike Buhl (*1967) sind ebenfalls von einer organischen – oder vielmehr biomorphen – Formensprache geprägt. Es sind Gebilde, die scheinbar aus sich selbst heraus entstehen, als ob sie eine innere Tendenz besitzen würden, sich immer weiter zu entwickeln, getrieben von einer mysteriösen inneren Kraft. 

Mit ihrem Werk I can’t see you (2019) impliziert Julie Hayward (*1968), dass die Kunst ein eigenes Bewusstsein und sogar eine eigene Sehkraft besitzt. Doch das Werk besteht aus MDF, Aluminium und Schaumgummi – allesamt anorganisches Material, das (nach heutigem Wissenstand) nicht zum Leben erweckt werden kann. Zugleich technoid und organisch, männlich und weiblich, lässt sich das Werk der österreichischen Künstlerin in keine Schublade stecken.

 Gérard A. Goodrow (Text).


Dortmunder U                                                               Dortmund

 

DEW21 Kunstpreis 2020                                 u.a. KAI RICHTER

26.09. – 04.10.2020

Richters Installationen verwandeln nicht nur Rohmaterialien aus dem Bau (u.a. Dokabalken, Gerüststangen, Montageschaum oder Beton) in Kunstwerke, sondern auch und vor allem den Raum, der sie umgibt. Seine Werke sind „raumgreifend“ im wahrsten Sinne des Wortes, denn seine Installationen aus Baumaterialien besetzen nicht nur den Raum mit ihrer Wucht und Dynamik, sondern greifen buchstäblich in ihn hinein und machen ihn für den Betrachter greifbar. Es geht dem Bildhauer um eine Art Dialog zwischen der Skulptur und dem Raum, innerhalb dessen es sich entfalten kann. Das Resultat ist eine Symbiose, ein „Geben-und-Nehmen“, denn das eine bestimmt das andere und beide liefern sich jeweils eine Daseinsberechtigung, mindestens für die zeitlich begrenzte Dauer der künstlerischen Intervention.

Gérard Goodrow (Textauszug)


Julia Ritterskamp                                                          Düsseldorf

 

RAW                                                                      TOBIAS GREWE

13.03. - 16.08.2020

Die Ausstellung RAW widmet Tobias Grewe (*1975, er lebt und arbeitet in Köln) der Purheit, Einfachheit und Ehrlichkeit eines Materials, der seinen Blick in den letzten Jahren immer wieder beeinflusst hat: Beton. Ein Werkstoff, der besonders im Architekturstil des Brutalismus eine unglaublich komplexe Formensprache hervorgebracht hat. Diese ist Tobias Grewe auf seinen Reisen immer wieder begegnet und ihre Gestaltungsstrukturen begannen eine wichtige Rolle in seiner Bildfindung zu spielen. Von Rio über Wien, von Köln bis nach Utrecht, São Paulo und Berlin untersuchte Grewe Architekturdetails meist brutalistischer Objekte und spannt mit diesen fotografischen Kompositionen einen facettenreichen Spannungsbogen, die den Werkstoff – stereotyp besetzt als grau und trist – in einem neuen Kontext einer eigenen Werkgruppe erblühen lassen. RAW zeigt erstmalig die komplette Serie, die zwischen 2013 und 2019 entstand. 

Der Brutalismus stand ursprünglich für eine Architektur, die den idealisierten Anspruch besaß, „ehrlich“ in Bezug auf Material und Konstruktion und ethisch in Hinblick auf ihren sozialen Aspekt zu sein. Hier findet sich eine Parallele zum Werk von Tobias Grewe, der seine Fotografie seit jeher dem Puren und Unverfälschten widmet. Die diversen Übersetzungen für den Begriff „raw“ bringen dieses Vorgehen auf den Punkt: „roh, rau, unbearbeitet, freimütig“. 

Grewe beschreibt die visuelle Qualität dieser Bauten als von überwältigender Komplexität. Der künstlerische Prozess führt über den Moment des Staunens – festgehalten mit der Kamera – letztendlich zu einem Erkenntnisgewinn. 

Lassen Sie sich also ein auf die zahlreichen Facetten von Grau in Reinform – RAW.

Julia Ritterskamp (Text)